Cabo de Gata Minitrail



Auf einem rassigen Lusitano durch den Naturpark Cabo de Gata im Osten Andalusiens

Hiiha – ruft Antonio und schon geht es in einem flotten Galopp durch die wüstenartige Landschaft. Antonios Englisch ist noch ein bisschen ausbaufähig, aber das tut dem Reiterlebnis mit dem andalusischen Cowboy überhaupt keinen Abbruch. Hiiha und Bambam-bambam (zusammen mit einem verschmitzten Grinsen) verstehen Pferde und Reiter:innen gleichermaßen und so freuen sich alle immer wieder über einen ausgelassenen Galopp.

Vor gut 2 Jahren übernahmen Antonio und Anna den Reitbetrieb, nachdem unser voriger Partner altersbedingt einen Nachfolger suchte. Dabei kam Antonio gar nicht als Interessent, sondern als ganz normaler Gast. Gleich freundete man sich an und nach ein paar weiteren gemeinsamen Ritten war Antonio bereit seinen alten Job hinzuwerfen und es als Reitguide zu versuchen. Eine gute Entscheidung – man merkt ihm die Freude an seinem neuen Beruf an. Er hat ein Händchen für Pferde und wird nicht müde die seinen hoch zu loben, alles „Super Horses“, von dem wir uns auch von Minute 1 überzeugen dürfen. Ich freue mich mal einen reinrassigen Lusitano zu reiten, das fehlte mir bisher. „Inca“ wie die große goldfarbene Stute heißt, entpuppt sich als ein wahrer Ferrari. Mit ihren langen Beinen macht es ordentlich „bambam“, wenn wir durch die Ebene fetzen. Dabei ist sie aber auch ein richtiges Verlasspferd, zu dem ich sofort Vertrauen fasse. Man merkt, dass Antonio Wert auf Horsemanship legt, was er seinen Gästen auch als Kurs anbietet. Die Pferde werden auch schon mal nur mit Knotenhalfter geritten.

Aber auch für Ihre Gäste haben Antonio und Anna ein ganz grosses Herz. Die Stimmung ist von Anfang an super. Außer mir reiten noch 2 Paare aus England mit sowie eine Französin, die als Wiederholungstäterin zum zweiten Mal dabei ist. Auch mein Freund ist mitgekommen, allerdings hat er sich als Nichtreiter ein Fahrrrad gemietet, mit dem er auf eigene Faust die Etappen radelt.

Gleich beim ersten Abendessen ist die Stimmung ausgelassen, alle freuen sich auf einen schönen Ritt und auch das Hotel direkt am Strand in einem weißen Fischerdorf gefällt. Im Winter erfolgt die Unterbringung hier. Bis zum Oktober ist das Hotel direkt am Stall geöffnet, das statt dem Strand einen Pool und Blick auf die Pferdekoppeln bietet. Wir lassen uns an drei Abenden im Strandhotel von einem sehr lustigen sympathischen Kellner mit leckeren Speisen verwöhnen. Im November ist es ruhig und das Restaurant ist nur für uns geöffnet, dem entsprechend genießen wir einen besonders persönlichen Service und bekommen jeden Wunsch erfüllt, auch an der Hotelbar, die wir zu schätzen wissen nach unseren Ritten.

 

Das Programm sieht vor, dass wir am ersten Tag einen Tagesritt machen. Dieser führt uns durch die Halbwüste zu mehreren schönen Buchten und einem längeren Sandstrand, an dem wir einen besonders spritzigen Galopp hinlegen. Einige der Pferde haben wie Inca auch Spaß durchs Wasser zu plantschen. An der Cabo de Gata ist es außer im Juli und August, wenn es sowieso zu heiß ist, kein Problem an den Stränden entlang zu reiten, eher ungewöhnlich am Mittelmeer. Allerdings gibt es in der kargen Gegend auch kaum andere Pferde als die von Anna und Antonio.

Nach der Mittagsrast an einer verlassenen Hacienda geht es weiter durch die Mondlandschaft. Die Wege sind sandig und gut und die Strecke ist einfach zu reiten mit ein paar Galoppaden. Der Rückweg führt durch Agaven und vorbei an einer typischen alten Mühle sowie über einen steilen Pfad an der Küste, wo die Pferde ihre Trittsicherheit zeigen.

Gut gelaunt erreichen wir den heimischen Stall, dh. einen Stall braucht es an der sonnigen Cabo de Gata mitnichten. Mit nur etwa 30 Regentagen im Jahr und sehr milden Wintern dürfen sich die Pferde über einen riesigen Auslauf und einige kleine Ausläufe freuen, die für neue Pferde, die aktuellen Trailpferde oder Pferde im Training sowie für Rentnerpferde verwendet werden. Das Futter kommt gänzlich aus dem Inland, wo es deutlich mehr Wasser gibt und Gras und Getreide gut gedeihen.

Nach einem geselligen Abend und einer erholsamen Nacht erwartet uns am Morgen ein toller Sonnenaufgang über dem Meer. Um 9:30 Uhr werden wir von Antonio abgeholt und zum Stall gebracht. Heute reiten wir ins Landesinnere. Antonio hat sich dafür ein neues Pferd gesattelt. Die Stute ist anfangs sehr nervös. Sie ist noch jung und nicht in die Herde integriert, so dass sie vor den anderen Pferden etwas Angst hat. Antonio vertraut ihr aber und reitet sie nur mit Knotenhalfter. Er lobt sie ständig und beteuert, dass es ein Superpferd wird. Etwas anderes erwarte ich auch gar nicht bei ihm...

Nachdem wir eine Weile sanft auf und ab durch die hübsche rote Berglandschaft geritten sind, ist es Zeit für ein ausgiebiges Bambam, einen richtigen „Supercanter“. Dieser führt durch ein trockenes verschlungenes Flussbett über mindestens 4km. Wir galoppieren die ganze Strecke mit ein paar kurzen Trabpassagen zwischendurch. Antonio ist nicht der einzige, der vor Glück strahlt. Sein Superpferd ist fortan auch ziemlich entspannt, ein Vollblüter muss eben laufen. Die Pferde sind richtige Maschinen, müde werden sie offenbar gar nicht. Das Mittagessen nehmen wir heute in der Ruine einer Farm ein. An der Wand ist groß aufgesprüht „Se vende“ und eine Telefonnummer für Kaufinteressierte. So schön es ist für eine Mittagspause in der Sonne, das ist wirklich eine entlegene Lage auf einem sehr kargen Stück Land! Doch unweit davon treffen wir auf einen alten Mann, der wie ein Eremit mit ein paar Tieren in dem einsamen Hinterland wohnt. Er freut sich über ein Schwätzchen mit Antonio.

Nach dem Mittagessen gibt es noch einen letzten Galopp, bevor es mehr in die Berge hineingeht. Hier treffen wir auf die Filmkulissen aus Indiana Jones. Ein verfallenes Gebäude am Wegrand war einst ein Saloon für den Film. In den roten Bergen dahinter, entdecken wir mehrere Höhlen, die einst zum Goldschürfen gegraben wurden und später ebenso als Filmkulisse dienten. Wir durchreiten zwei von ihnen und landen zwischen riesigen Felswänden. Man kann sich wirklich gut vorstellen, dass dies alles tolle Kulissen sind. Weiter geht es über die alten Wege der Goldminen. Es soll noch einiges an Gold in den Bergen geben, aber das Goldschürfen wurde irgendwann zu unrentabel und das Wasser wurde zu knapp, so dass alles längst verlassen ist. Nach einem ruhigen Ritt durch die beeindruckenden Felsen erreichen wir eine Kuppe mit Blick auf den Ort Rodalquilar und das tiefblaue Meer in der Ferne. Nun haben wir unser Ziel fast erreicht. Am Ende des Ortes in der sandigen Ebene befindet sich Antonios zweiter „Stall“ mit einigen Paddocks und Roundpen. Ein Senior und ein junger Araber im Training begrüßen uns. Nach dem langen Reittag freue ich mich heute erst einmal über eine Dusche, bevor ich meine Mitreiter:innen bei Snacks und Aperitif auf der Gartenterrasse wieder treffe. Auch unser Radfahrer trudelt endlich ein und berichtet von seinen Abenteuern.


Zum Abendessen holt uns Anna heute mit dem Jeep ab und bringt uns zu einem Fischrestaurant am Strand eines charmanten Fischerdorfes. Alle möglichen Meeresfrüchte und Fische werden hier serviert und dazu reichlich Wein. Der ist allerdings auch sehr willkommen, denn an Novemberabenden kann es durchaus frisch werden und das Restaurant ist nur halb geschlossen.

 

Wir schlafen heute tief und fest und kommen fast zu spät zum Frühstück. Wie sich herausstellt, wird das mit sehr viel Liebe individuell zubereitet und so kann sich jede ein Wunschfrühstück bestellen, dass dann allerdings bald 15 Minuten Wartezeit erfordert. Zum Glück sind hier alle sehr entspannt und so ist es nicht weiter schlimm, wenn es mal ein wenig später wird. Es muss wohl an dem schönen Wetter liegen und vielleicht auch an der Art der Arbeit (Fischen, Landwirtschaft, Tourimus), jedenfalls haben alle die Ruhe weg. Auch beim Autofahren scheint es gar niemand eilig zu haben. Die kurvige Strecke, die wir von Malaga an der Küste entlang gefahren sind, kann allerdings auch gut mit den schweizer Autobahnen mithalten, auf und ab, Kurve um Kurve folgt die Straße entlang der Küste.

Aber zurück zu unserem Trail: Der letzte Reittag startet durch ein überraschend grünes Tal, gespickt von grünen harten Büscheln, deren Halme selbst die Pferde nicht abbeißen - sie abzureißen ist ganz unmöglich. Nur die paar Ähren, die gelegentlich daraus hervor sprießen, sind wohl genießbar. Bald folgen wir einem kaum erkennbaren Pfad bergauf und oben an der Kuppe wird der Blick frei auf das tiefblaue Mittelmeer. Mit diesem tollen Panorama geht es nun immer wieder ein Stück landeinwärts und dann wieder Richtung Meer. Eine versteckte Bucht bietet eine besonders schöne Kulisse für ein paar Erinnerungsfotos. Weiter geht es zu einem Aussichtspunkt und hinab in eine kleine Palmenoase zum nächsten Strand. Nun ist die Küste flacher und ein langer Sandstrand zieht sich über einige Kilometer bis zu einer alten Burgfeste. Wir durchqueren ein Fischerdorf und reiten hinauf zu einer Ruine, an der wir mit Blick auf Berge und Meer unser Mittagessen sowie die obligatorische Siesta genießen. Das Mittagessen wird dabei stets am Tisch eingenommen und wird von einem Restaurant für uns zubereitet, es ist jedes Mal vorzüglich.




Nach der Siesta unter andalusischer Sonne und mit gelegentlichem Anstupsen von Annas lustigen Hunden, nehmen wir unsere letzte Etappe. Zunächst erwarten uns auf dem breiten Küstenweg noch ein paar muntere Galoppaden, die Antonio mit seinem Handy festhält. Dann wird der Weg erst felsiger und später recht schmal und so genießen wir in ruhigem Tempo den Blick über die Steilküste. Bals entdecken wir San José, wo unser Ausgangshotel liegt. Idyllisch zwischen den Bergen liegt es an der Küste mit seinen schneeweißen Häusern. Die Pferdekoppeln befinden sich nach dem Ortsausgang in der Ebene. Ein schmaler Pfad führt geradewegs hinunter zum Hof. Und schon heißt es absteigen und Abschied nehmen. Nachdem alle Pferde gut versorgt und verabschiedet sind, gibt es noch einen Aperitif und ein paar nette Gespräche bevor wir zum Hotel fahren.

Hier lassen wir uns Oliven und ein Bier an der Bar schmecken und gehen dann zum Abendessen über. Anna und Antonio verabschieden sich nun, denn am Morgen gibt es wieder viel Arbeit für sie. Sie sind wirklich sehr herzliche und liebevolle Gastgeber und Antonio vertraut mir an, dass er die Abschiede immer gar nicht mag am Ende, was ich gut verstehen kann!

Wein und Tequilla machen beim Abendessen die Runde und als unser liebenswerter Gastwirt langsam schließen möchte, ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Unsere Mitreiter aus Cornwall fangen sogar an zu tanzen, aber es hilft nichts, wir müssen das Restaurant räumen und da es leider draußen wirklich zu kalt ist, bleibt uns nur der Eingangsbereich, wo wir unser Bier austrinken, uns aber dann bald verabschieden. Am Morgen ein letztes Frühstück in dem schönen Restaurant mit Meerblick, dann geht es für alle in unterschiedliche Richtungen weiter – wir fahren für 2 Tage nach Granada, bevor wir von Malaga wieder nach Hause fliegen. Bepackt mit Iberischem Schinken und anderen Souvenirs und voller schöner Erinnerungen an liebenswerte Menschen, wunderbare Pferde und tolle Landschaften treten wir die Heimreise an. Die Cabo de Gata ist die trockenste Gegend Spaniens und erinnert mich sehr an Marokko. Wirklich eine schöne Ecke! Etwas muss ich denn noch nachholen zuhause: Lucky Luke, Indiana Jones, Lawrance of Arabia, Pirates of the Carribian und noch einige weitere Filme wurden hier gedreht, und es ist mir etwas peinlich, dass ich sie immer noch nicht gesehen habe. Aber wie die Cowboys fühlten wir uns durchaus unterwegs mit Antonio, der direkt aus einem der Westernfilme entsprungen sein könnte. Hiiha und hasta la vista an der Cabo de Gata!


Jessica Kiefer, November 2025