Asturien mit Apfelwein und Amazone
Porzellanschecken, Panoramen und Promille: Asturien zu Pferd
Der Cider-Trail im nördlichen Spanien bietet neben faszinierende Bergpanoramen, Käse und Apfelwein im Überfluss fünf Porzellanschecken und ein Regenbogenfotoshooting. Rittführerin und „Herdenchefin“ Urszula verscheucht nicht nur lästige Esel, sondern sorgt auch in allenanderen Belangen für zufriedene Gäste …
Als weder das Pferd der Rittführerin Urszula noch jenes der Mitreiterin Morgan zum Weitergehen zu bewegen ist, weil ein Verkehrsschild, ein Absperrband und eine Mülltonne Grund zum Fürchten liefern, wittere ich meine Chance und übernehme mit meiner
Schimmelstute den Lead. Anfangs ist Nec noch unsicher und angespannt, doch sie scheint ebenso froh wie ich über die Führung zu sein und erkundet mutig mit gespitzten Ohren die regenverschleierte Landschaft. Die Stute, die noch kurz zuvor im Pulk nervös das Hinterteil von einer Seite auf die andere gedreht und unwillig mit dem Kopf geschlagen hat, ist kaum wieder zu erkennen. Die Kommandos hinter mir höre ich nicht, da mich die tief ins Gesicht gezogene Kapuze meines Reitregenmantels von der Außenwelt abschirmt. Doch Nec lässt mich ohnehin sofort wissen, wenn hinter uns getrabt wird. Als wir unser Tagesziel nahe dem Covadonga See erreichen und Urszulas Mitarbeiter Paco die Pferde in Empfang nimmt, freuen wir uns bereits auf die trockene Stube. Im warmen Gastraum der Berghütte wird groß aufgetischt: Es gibt mehrere Sorten Käse, Brot, Salate und Fabada, einen Eintopf aus weißen Bohnen, zu der Blutwurst, gekochtes Fleisch und Chorizo gereicht werden. Am Weg zum Hotel besuchen wir in Covadonga, Anziehungsort für viele Pilger, die Basilika und die in eine Felsengrotte gebaute Kapelle.
Schwindelfreiheit vorausgesetzt
Anders als üblich betreibt Urszula keinen eigenen Stall, sondern borgt die Trailpferde für ihre Ritte bei einem asturischen Stall aus. Unsere Pferde sind in zwei Grüppchen geteilt, denn die hübschen weißen Porzellanschecken und der Braune Chop sind miteinander verwandt und bilden eine eigene kleine Herde, während die restlichen drei Pferde ihr eigenes Team bilden. Unsere Rittführerin selbst hat Tourismus studiert und u.a. in einer Pferdeklinik, als Reitguide und bei einem internationalen Trail-Anbieter gearbeitet. Doch rasch wurde ihr klar: reine Bürotätigkeit ist nichts für sie. Im Sattel und im Organisieren hingegen scheint sie in ihrem Element zu sein. Am nächsten Tag besuchen wir das Informationszentrum des Nationalparks Picos de Europa und reiten danach bei Sonnenschein von Oseja de Sajambre los. Doch zuvor nimmt die Guide-Lady Änderungen in unserer siebenköpfigen Gruppe vor: Urszula übernimmt meine Porzellanscheckstute, ich reite den Wallach von André und er erhält imGegenzug das gestrige Guidepferd. Mein neues Pferd Chop ist vorwärtsgehend und schnell – was wohl an seinem Vater, einem Englischen Vollblut, liegt. Ich habe erneut alle Hände voll tun. Den klassischen langen Zügel, wie bei vielen Trails üblich, geben wir unseren Reittieren nur manchmal, da diese ansonsten entweder überholen oder dem Vorderpferd am Hintern kleben. Unsere Rittführerin fragt, ob jemand Höhenangst hat und ist zufrieden als alle verneinen. Die folgende Passage bietet einen wunderbaren Blick auf die umliegenden Berge, doch wir konzentrieren uns auf den Weg, der etwa die Breite einer einspurigen Straße hat und zur rechten Seite mehr als hundert Meter steil abfällt. Wir reiten durch Buchenwälder, lassen die Pferde an den die Wege kreuzenden Bächen und Tränken saufen und traben und galoppieren immer wieder, wenn der Boden es erlaubt. Als wir in Posada de Valdeon beim Abendessen sitzen, wird deutlich: Der Ritt könnte auch Käse- oder Gourmet-Trail heißen, denn erneut biegt sich die Tafel unter den aufgetischten Speisen. Die Stimmung im Gastraum ist ausgelassen und feucht-fröhlich. Immer wieder wird großzügig Apfelwein eingeschenkt und auch wir probieren uns in dieser alten Tradition und Kunst. Urszula und Paco zeigen es vor, denn das Einschenken erfordert etwas Übung, gilt es doch den Sidra aus maximaler Höhe treffsicher ins Glas zu schütten und dabei möglichst viel prickelnden Sauerstoff ins Getränk zu bringen.
Apokalyptisches Panorama
Am nächsten Morgen ist der Regen so stark, dass sich sogar die Kühe, die dicht aneinander gedrängt durchs Dorf wandern, lautstark beschweren. Urszula verschiebt den Abritt mehrfach nach hinten … Meine Zimmerkollegin Marion und ich sind unsicher, ob unsere Mäntel der Wassersäule bei einem sechsstündigen Ritt standhalten werden. Als wir wie geprügelte Hunde unter einem Dachvorsprung auf die Pferde warten, die von Paco und Urszula gesattelt werden, wird der Regen etwas weniger – und hört plötzlich ganz auf. Wir reiten durch Dörfer, in denen sich steingemauerte Häuser mit roten Schindeldächern aneinander drängen. Später kämpfen wir uns über schmale Weg durchs Unterholz, reiten über Wiesen und durch lichten Wald, wo in den Bäumen Fetzen von grauem Moos hängen, wie zurückgelassene Kostüme einer Halloweenparty. Die Flechten seien laut Urszula Anzeichen für eine gute Luftqualität. Unsere Rittführerin weist uns auch auf Bärendung hin sowie auf die Hinterlassenschaften eines
Wolfes. Je höher wir in Richtung des auf 1566 Meter liegenden Pandetrave-Passes steigen desto beeindruckender präsentiert sich das Panorama. Als wir eine Anhöhe mit Aussichtsplattform erreichen, wartet Paco bereits mit dem Picknick auf uns. Die Ausblick ist nicht nur wegen des schnell wechselnden Wolkenspiels beeindruckend, sondern auch weil einer der Abhänge in apokalyptisches Schwarz getaucht ist. Sträucher und Bäume sind nur mehr Strünke, die tot aus dem Boden ragen. Laut Urszula hat es hier vor nur wenigen Wochen gebrannt. Eine Vielzahl an Feuerwehrleuten und sogar das Militär war im Einsatz, um die Flammen unter Kontrolle zu bringen.
Esel-Hinterhalt
Als wir am nächsten Morgen von Espinama Richtung Sotres aufbrechen, erwartet uns ein überirdisch schöner und zum Greifen nah scheinender Regenbogen, der seine Farben fototechnisch perfekt über die Weide spannt. Verunsichert vom gestrigen Tag schlüpfen alle Mitreiter:innen vor dem Aufsteigen noch rasch in die Regenkleidung, doch wir haben Glück und die Sonne begleitet uns während des Ritts über den 1668 Meter hohen Pass. Bei einem Weiderost lauert uns eine kleine Eselherde auf … Die Pferde sind aufgeregt und vor allem Chop kann dem herzzerreißend-dröhnenden I-ahhhh wenig abgewinnen. Urszula öffnet das Gatter und scheucht die Esel etwas zurück, um uns mehr Platz zu verschaffen. Chop tänzelt von den Eseln weg über Stock und Stein, um möglichst viel Abstand zur Gefahrenquelle zu bringen, dabei stößt er ein gestresstes trompetenartiges Schnauben hervor. Es dauert eine Weile, bis sich der Angsthase wieder einigermaßen beruhigt hat. Wenig später passieren wir einige Steinhäuser, in deren Nähe eine Schafherde grast. Unaufgeregt lotsen zwei Hirtenhunde ihre Schützlinge auf die andere Seite des Weges. Als ein Mutterschaf mit einem rabenschwarzen Neugeborenen etwas zurückbleibt, trottet einer der Hunde fürsorglich einen Meter hinter den beiden her, wie um zu zeigen: Ich bin da, keine Sorge! Als wir nachmittags in Sotres ankommen, werden zuerst die Pferde versorgt. Danach
spazieren wir zum Hotel Peña Castil, von dem Paco und Urszula meinten: Hier sei der beste Küchenchef des Trails am Werk. Nach der Salatvorspeise und einem Käseteller mit sechs unterschiedlichen Sorten kommen Schweinerippchen und Kartoffeln auf die Teller. Das Sidra-Sorbet zerfließt im Mund …
Amazonenangriff
Das auf 1.050 Metern gelegene Sotres ist das höchste Bergdorf im Nationalpark Picos de Europa und bietet eine weitere Besonderheit: 2024 wurde den Einwohner:innen der „Preis für das vorbildliche Dorf von Asturien“ durch das spanische Königspaar Felipe und Letizia verliehen. Diese Auszeichnung würdigt u.a. den Einsatz für das historisch-kulturelle Erbe. Am letzten Reittag wird sich das beeindruckende Bergpanorama bei bester Sicht und Sonnenschein präsentieren, doch tags zuvor sehen wir kaum etwas von den umliegenden Gipfeln, denn es zieht dichter Nebel auf. Doch wir lassen uns nicht die Laune verderben. Der Weg, der zur Linken immer wieder steil abfällt und manchmal ein einsam gelegenes Steinhaus
erahnen lässt, ist seltsam breit ausgebaut. Grund dafür ist eine mittlerweile stillgelegte Mine, in der einst verschiedene Erze abgebaut wurden. Im Laufe des Ritts wird das Wetter besser und der Nebel löst sich auf. Kurz vor unserem Tagesziel bimmelt es leise. Auf einer kleinen Wiese treffen wir auf etwa 50 freilaufenden Pferde. Urszula, die an der Spitze reitet, lotst unsere Truppe mit größtmöglichem Abstand an den fremden Tieren vorbei. Die Anspannung in der Gruppe ist groß und als es im Wald rumort, steigt die Nervosität. Ein rund 550 Kilo schwerer schwarzer Kaltbluthengst stürmt im starken Trab durchs Unterholz, um seinen Harem zu beschützen … doch er hat die Rechnung ohne unsere „Herdenchefin“ gemacht. Denn Urszula prescht sofort schreiend und mit einem Armen wedelnd auf den Hengst zu. Dieser hat wohl noch nie eine echte Amazone gesehen, dreht ab und bleibt verdutzt stehen. Während wir mit angehaltenem Atem ehrfürchtig die Szene beobachten. Mein Wallach Chop kommt während des Ritts nur selten zur Ruhe, ist gestresst, trinkt und frisst zu wenig. Urszula bemerkt, dass er an Gewicht verloren hat und kündigt mir für den
letzten Reittag ein neues Pferd an, um den Wallach zu schonen. Der letzte Reittag führt entlang schmaler Pfade über Wiesen, durch Dörfer nahe der Küste. Das Meer ist immer wieder ganz nahe. Doch obschon man die Brandungswellen hören kann und die salzige Luft Lust aufs Schwimmen macht – sehne ich mich zurück in die Berge, weg von Menschen, Autos und Häusern. Zurück in den stillen Nebel, der alles verschluckt.

Carola Leitner, 2025