Island - mit Komfort, 2026



Wo man Pferde mit Steinen putzt

15 Frauen und ein Mann tölten durch Island. Starkregen, heisse Quellen, Drachenhöhlen und ein Seeadler – alles ist drinnen in diesen atemberaubenden vier Reittagen!


Schon ihre Namen sind zum Niederknien. Wenn die freundlichen Vierbeiner unter dir Kleinigur, Hitling, Eldjan oder Geysir heißen – dann sind es Islandpferde. Pferde. PFERDE. Wer es nicht glaubt, kann in isländischen Souvenirshops den passenden Kühlschrankmagnet erstehen, Text: „Sag niemals Pony zu mir“. Das würde aus unserer bunten Reitgruppe natürlich keiner mehr tun. 18 Pferde und 16 Menschen sind wir, die vier Tage lang gemeinsam durch die Naturwunder Südislands gehen, traben, tölten und galoppieren. Aus Island stammen dabei nur die Pferde. Alle anderen – 15 Frauen und ein Mann, darunter beide Reit-Führerinnen – sind aus Deutschland, der Schweiz, Österreich, Dänemark, Schweden und den USA.

Am ersten Abend lernen wir im Hotel beim Essen einander und unsere Reit-Führerinnen Nadine und Lina kennen, die uns die „Freitag Samstag Sonntag“-Frage stellen. Sprich: „Welches Pferd hättet ihr gern?“ Ein Freitag ist rassig und rasch, ein Sonntag eher gemütlich – und der Samstag liegt dazwischen. Wie zu erwarten: die meisten von uns sagen zur Sicherheit „Samstag“. Nadine und Lina bekommen trotzdem ein gutes Gefühl dafür, wem sie am ersten Reittag welches Pferd geben. Hier werden Pferd und Reiter jeden Tag neu kombiniert – was ebenso ungewöhnlich wie schlau ist. Es schärft die Aufmerksamkeit von Mensch und Tier, ist spannend lässt uns die einzigartige Gangart der Isländer – den Tölt – auf mehreren Tieren erleben. Der Tölt ist genetisch veranlagt und macht Reiter weltweit neugierig. Als superbequem wird er beschrieben, fast erschütterungs-frei und weich auszusitzen. Für das Pferd ist dieser Gang vergleichsweise arbeitsintensiv. Die Beine werden sehr hoch gehoben, aber anders als z.B. im Galopp gibt es keine „Schwebephase“. Ein Huf ist immer am Boden, egal, wie schnell der Tölt auch wird. Und er wird schnell! Schon am ersten Tag hat „Eldjan“ mir beigebracht, dass ein Reiter nicht töltet, nur weil sein Pferd es kann. Meine beherzten Versuche – Zügel knapp nehmen, den Kopf des Pferdes „versammeln“, sich im Sattel etwas „tiefer“ setzen – beeindrucken den Milchkaffee-braunen Wallach genau gar nicht. Der Gauner verwandelt sich in eine ratternde Nähmaschine und rüttelt mich durch, während ich auf Wind- und Regen-umtosten Bergpfaden die nordischen Götter um den „erschütterungsfreien“ Gang anrufe. Besser, ich hätte gleich Nadine gefragt. Kaum wieder in der Ebene, ist genug Platz zum Nebeneinander-Reiten und Nadine nimmt sich meiner an. Nach einigen Versuchen klappen die ersten Meter Tölt. Ein großer Unterschied! Viel bequemer im Sitz, aber auch mit mehr Kraft (für mich) verbunden, um Pferdekopf sowie Zügel eng bei mir zu halten.

Was Lina und Nadine als Reitbegleiterinnen für uns tun, ist grossartig. Unbezahlbar: der Tipp, sich ein „Fliegengitter“ für den eigenen Kopf zu kaufen, ein Moskitonetz für Helm und Gesicht. Die beiden jungen Ladies waren gnadenlos geduldig mit uns (so wie die Pferde), supernett (so wie die Pferde), erfahren und immer gut gelaunt (so wie die Pferde). Sie haben die sternförmigen Tagesritte so umgestellt, dass das isländische Wetter gleich selbst zum Abenteuer geworden ist. Wer kann schon von sich erzählen, im Starkregen neben einem dampfenden geothermalen Kraftwerk einen Isländer gesattelt zu haben und dann, neonorange leuchtend im Regenzeug, in eine Kulisse wie für einen Fantasy-Film geritten zu sein?
Unsere Reitgruppe kann das jetzt!

Über Bergpfade, durch Bäche und Felsschluchten haben wir am ersten Tag Marardalur erklommen, das „Tal der Pferde“. Auf dieser Hochebene machen wir Mittagspause, stehend und im Regen und voller Faszination. In alten Zeiten ließen die Isländer hier ihre Herden weiden, weil die umgebenden Felskämme wie Zäune sind. Auch wir sind gefangen. Von Steinformationen und Höhlen, wie geschaffen für Drachen. Kein Wunder, dass einige Szenen von „Game of Thrones“ in Island gedreht wurden. Jedenfalls ich habe mich schon als Drachenreiterin zurückfliegen sehen. Die harte Realität – Nähmaschine statt Tölt auf „Eldjan“ – hat mich dann über mich selbst lachen lassen. Aber immerhin: klingt sein Name nicht nach Elfen-König? Letzteres kann man über „Hitling“ nicht sagen. Dafür ist die gescheckte Stute am zweiten Tag wunderbar mit mir getöltet! Gestärkt durch gutes Essen und ebensolchen Schlaf im bequemen Hotel geht unser heutiger Sternritt in Richtung dampfender Fumarolen. Das geothermale Gebiet um den Vulkan Hengill bietet mitten im Gebirge heiße Badeplätze. Selbst wenn es draußen nur 15 Grad hat – in den Bikini Schlüpfen lohnt sich! Nie wieder wird man so großartig gegart einer heiß-heiß-heißen Quelle entsteigen und zumindest versuchen, dabei anmutig auszusehen – weil es ohne Selfie im Märchenland eben doch nicht geht.

Den Tölt haben spätestens jetzt alle in der Gruppe drauf, was wir am dritten Tag im Nationalpark Pingvellir zelebrieren. Zuvor haben wir nicht schlecht gestaunt, als Nadine und Lina uns zeigen, wie man Islandpferde ohne Plastikbürsten ganz wunderbar putzt: mit den Luftblasen-durchsetzten Steinen, die überall am Boden liegen. Die Pferde mögen es, die Umwelt auch! Dass Nadine Hobby-Ornithologin ist erweist, zahlt sich im Nationalpark mit seinem wunderschönen See ganz besonders aus – genauso wie am nächsten Tag am Meer, wo wir endlose Galoppstrecken im dunklen Lavasand zurücklegen und schliesslich ins Flussdelta des Ölfusa reiten. Dort steigt, kaum ein paar Meter neben uns, ein mächtiger Seeadler auf und wir dürfen ein paar Herzschläge lang unter seinen majestätischen Schwingen reiten. 

Zur Sicherheit seien alle Daheimgebliebenen am Schluss noch gewarnt vor der Frage: „Was war am Schönsten?“ Die Antwort dauerte vier Tage. Ein schwedisches Generationen-Trio aus Großmutter, Mutter und Tochter hat sich mit diesem Ritt einen Lebenswunsch erfüllt; eine junge Dänin hat nach langer emotionaler Erkrankung beim Reiten auf diesen tiefenentspannten Tieren den ersten angstfreien Urlaub seit Jahren erlebt; wir alle haben in eine andere Welt geschaut und unser „Quotenmann“ Jan wurde zur „Lady of Honor“ ernannt. Und verliebt haben wir uns auch alle - in die Islandpferde.

Hier geht's zur Reise: Naturwunder Islands

Autor: Ingrid Luttenberger, 2026