Kirgisistan - Vier Pferde, drei Männer und kein Weg zurück



Wetterkapriolen, Passüberquerungen und ein nimmermüder Fuchs machen den „Nomaden Trail” durch das kirgisische Tian-Shan-Gebirge zu einem echten Abenteuer. Zwischen einem improvisierten Zeltlager, viel Regen und herzlicher Gastfreundschaft wird klar: Die besten Reisen beginnen oft mit Überraschungen.

Der Startpunkt des Trails in Jyrgalan ist ungewöhnlich. Die vier Pferde sind neben der rumpeligen Straße rund um ein etwas schiefes Verkehrsschild „geparkt“, flankiert von mehreren Männern, die mich neugierig beäugen. Kein Wunder, dass ich den Einheimischen nicht ganz geheuer bin: Zum einen bin ich die erste Touristin auf diesem Trail und zum anderen allein als Frau mit drei Männern unterwegs. Und um ehrlich zu sein: Ich bin mir selbst in diesem Moment nicht mehr ganz koscher und beim Einschlafen im Zelt, etwa zehn Stunden später, frage ich mich, ob der Ritt mit drei mir unbekannten Männern im kirgisischen Nirgendwo eine gute Idee ist. Doch ich schiebe den Gedanken rasch beiseite und für die restliche Zeit des Trails werde ich mir kein einziges Mal Sorgen darüber machen. Im Gegenteil: Die Einsamkeit der Berge, meine drei zuvorkommenden Aufpasser und mein nimmermüder Fuchswallach stellen sich als kongenialer Mix heraus.

Ich packe rasch meine zwei in schwarze Plastiksäcke gewickelten Gepäckbeutel in die bereitgestellten Satteltaschen. Zwei der Männer richten die Steigbügel und helfen mir galant aufs Pferd. Nach etwa zehn Metern verlassen wir die Schotterstraße, reiten ein leise vor sich hin gurgelndes Flüsschen entlang und klettern schließlich einen steilen Hang hinauf. Mit den letzten Dächern von Jyrgalan verschwindet auch die Zivilisation hinter den Bäumen. Guide Azamat reitet voran, dicht gefolgt von Nursultan, dem jungen Guide, der die Strecke kennen lernen soll sowie Mirlan, Übersetzer sowie Chef von Nomad Trails, und mir. Auf unserem Ritt verändern sich die Wege zu schmalen Pfaden, selbige werden unwegsamer und steinig, bis sie sich an manchen Stellen wieder in von bunten Blumen übersäten Wiesen verlieren, während sich über den schneebedeckten Gipfeln ringsum die dunklen Wolken ineinander schachteln. Etwa eine Stunde vor dem Etappenziel werden die Männer hektisch. Flugs zaubern sie aus ihren Packtaschen zwei Zelte, die sie etwas windgeschützt nahe einem großen in der Wiese liegenden Steinquader aufbauen. Kurz darauf beginnt es zu regnen und hört für mehrere Stunden nicht mehr auf. Ich liege im Zelt und lausche dem Regen, der unaufhörlich an die Zeltwände hämmert, unterbrochen von Mirlan, der mir zur Aufmunterung ein Glas Cognac durch den Zelteingang reicht. Der heftige Niederschlag zwingt uns, hier, auf der falschen Seite des Passes, unser Nachtlager aufzuschlagen. Eigentlich wollten wir auf der anderen Seite des Berges tiefer absteigen, doch nun übernachten wir höher als geplant. Doch alles klappt problemlos: Unser improvisierter Lagerplatz ist gut gewählt, mein Zelt bleibt trocken und der mitgebrachte Schlafsack hält ausreichend warm.

 

Drei Gentleman

Am Morgen ist es kalt, der Himmel blau und die Sonnenstrahlen reichen aufgrund der hohen Gipfel ringsum noch nicht bis zu unserem Lagerplatz. Nach dem Frühstück bauen wir rasch die Zelte ab, danach werden die Pferde gesattelt und bepackt. Bevor wir den 3362 Meter hohen Boz-Uchuk-Pass erklimmen, gilt es einen Fluss zu queren, der mir, ob der Fließgeschwindigkeit und unkalkulierbaren Tiefe, nicht geheuer ist. Doch Azamat weiß, was zu tun ist: Wir queren gemeinsam das Wasser, sodass ich mich auf meine hochgezogenen Beine konzentrieren kann. Meine Schuhe bleiben zwar trocken, doch nur vorerst, denn der Regen erweist sich als verlässlicher Begleiter, meine undicht gewordenen Wanderschuhen hingegen nicht: Mein Morgenritual beinhaltet für den Rest des Trails das Umwickeln meiner Füße mit schwarzer Plastikfolie.

Als der Wind nach unserem Mittagspicknick stärker wird und auch der morgendliche blaue Himmel einer grauen Wolkenmasse gewichen ist, springen Azamat und Nursultan plötzlich von ihren Pferden. Nursultan löst die Schnüre um ein lindgrünes Paket hinter meinem Sattel und entfaltet daraus einen Regenmantel. Die beiden Guides helfen mir wie vollendete Gentlemen in den Mantel. Doch damit nicht genug: Sie zeigen mir wie die kegelförmigen Knöpfe funktionieren, knöpfen alles zu und Azamat fixiert einen der Kegel mit einer kleinen Metallspange, bevor er mir die Kapuze aufsetzt. Ich schmunzle über die Situation und probe mein dürftiges Kirgisisch mit einem dankbaren „Tschong rachmat“. Denn die Verständigung mit den beiden Guides funktioniert aufgrund fehlender gemeinsamer Sprache mehr über Pantomime ... Ist Mirlan in der Nähe übersetzt er für mich. Als der Regen stärker wird, verschwimmen die Konturen der Rinder, die über die Weidefläche verteilt stehen, immer mehr. Ich kuschle mich in das farbschöne 1984 hergestellte russische Ölzeug und freue mich über den Regenmantel, der mich wie ein großes Zelt vom grausigen Wetter abschirmt.



Testperson mit neuem Bett

Als das Gewitter mit Blitz und Donner direkt über uns wütet, dauert es nicht lange bis die Tropfen zu kleinen Hagelkörnern gefrieren, die sich in der Mähne meines Fuchswallach verfangen, später schneit es kurz. Kashka scheinen die Blitze und das laute Grummeln nicht ganz geheuer zu sein: Ich spüre die Ungeduld meines Pferdes und allmählich verändert sich der flotte Schritt der Tiere zu einem Traben und Trippeln. Obschon ich eigentlich ungern im Regen reite, lächle ich glücklich vor mich hin. Den auf über 3500 Meter liegenden See, der auf dem Programm stünde, lassen wir links liegen. Als Ersatz liefert das Wetter eine Nebelsuppe, aus der immer wieder ein kleines Teilstück eines schneebedeckten Berges wie eine verwaschene Theaterdeko hervorblitzt. Als wir im Camp, das aus zwei Jurten und einem Holzverschlag besteht, ankommen, werden wir mit Chai, Brot, Himbeermarmelade und Kaymak verköstigt. Der dicke, streichfähige Rahm wird von den Guides großzügig im Tee versenkt, was ich mir abschaue. Während die Männer nach der Jause die geheizte Jurte verlassen, bleibe ich, denn laut Mirlan sei mein „room not ready“. In der Jurte herrscht ein Kommen und Gehen: es wird geheizt, getratscht, gegessen, dann wieder kurz auf den am Boden ausgebreiteten Decken geruht. Ich lausche den Stimmen, lese, mache mir Notizen und genieße die Wärme des Ofens. Durch die offene Türe kann ich sehen, dass die hellen Holzbretter vor der Jurte weniger werden. Später begreife ich, dass mir die Guides ein nagelneues Bett gezimmert haben. Als mir Mirlan meine Bleibe samt Bett für die Nacht zeigt, frage ich: „Wo schlaft ihr?“ Bei der Familie in der anderen Jurte, so die Antwort. Eine ganze Jurte nur für mich alleine zu beanspruchen, kommt mir in Anbetracht der vielen Menschen nicht richtig vor. Ich biete an, diese zu teilen. 

Am nächsten Tag reiten wir Richtung Almaluu, wo wir im Jerges-Tal den Wasserfall besuchen, den die Einheimischen wegen der beeindruckenden Kaskaden als „Niagara“ bezeichnen. Nach dem Lunch machen wir uns auf den Weg zum 3516 Meter hohen Ailanysh Pass. Die Gipfel der Tian-Shan-Berge, was übersetzt Himmelsgebirge heißt, scheinen nahe an uns heranzurücken je höher wir mit den Pferden klettern. Nachdem wir mehrere Seen passiert haben, erhebt sich eine Wand vor uns, in deren Mitte eine dünne gezackte Narbe eingegraben ist: der Pfad, der uns über den Berg führen wird. Azamat, der auf seinem Fuchs vorausreitet, bleibt immer wieder stehen. Sein Hengst ist müde. An einer heiklen Stelle knickt das Tier in der Hinterhand kurz ein, Azamat springt ab und gönnt ihm eine Pause. Links fällt der Berg steil ab, rechts geht es steinig bergauf. Kashka und ich überholen den Hengst auf dem schmalen Weg. In Kirgisistan wird fast ausschließlich auf Hengsten geritten, während es die Aufgabe der Stuten ist, den Nachwuchs großzuziehen. Da ich die erste Touristin auf diesem Trail bin, war man sich wohl nicht sicher, ob ich einen Hengst händeln könnte. Der mir zugeteilte etwa vierjährige Wallach Kashka schraubt sich wie eine gut geölte Maschine in die Höhe. Er überwindet jede Steinstufe bravourös, trägt mich mit gespitzten Ohren über die Pässe, durch Bäche und Flüsse. Dabei ist er freundlich, vorwärtsgehend und neugierig. In Anbetracht des Steilhanges weiß ich, Fehler sind hier keine gute Idee, doch Kashka hat ohnehin nur eines im Sinn: marschieren. Oben angekommen gilt es ein paar Meter Tiefschnee zu überwinden. Ich reite den tiefen Spuren von Nursultan und Gulsary, dem hübschen Palomino-Hengst, hinterher. Meine drei Begleiter kontrollieren immer wieder meine Miene und versuchen zu ergründen, wie es mir geht. Auf die fragenden Blicke gibt es stets nur eine Antwort: „All good“. Dabei halte ich breit grinsend den Daumen hoch.

Ziegenhirn zum Frühstück

Das Camp im Ak-Suu Tal besteht aus einer Jurte und einem langgezogenen Gebäude aus Holz, in dessen hinterem Teil die Familie weich auf vielen Decken isst und schläft. Mir wird als Gast ein Ehrenplatz neben dem Ältesten zugewiesen. So erhalten der Knecht, der sich u. a. um die nahe der Jurte weidenden Kühe und Schafe kümmert, und ich als Erste Tee und Essen. Neben einer Schale heißer, aromatischer Suppe, gibt es Oromo. Die gedämpften Teigrollen bestehen aus dünnem Nudelteig und sind mit Fleisch und einem Hauch Gemüse gefüllt. Später fällt mir auf, dass der Hausherr einen unförmigen Knochen mit dem Messer bearbeitet. Da es kein elektrisches Licht gibt und der Raum nur notdürftig beleuchtet wird, kann ich nicht recht erkennen, was er bearbeitet und frage nach: Es handelt sich um einen Ziegenkopf. Als er die Augen aus den Höhlen pult, habe ich kurz Angst, dass man mir als Gast diese Delikatesse auf den Teller legen wird. Doch ich habe Glück und der 13-jährige Sohn greift danach ... Mirlan erklärt, dass in Kirgisistan alles gegessen wird: nose to tail. Um etwas zum Gespräch beizutragen, frage ich, ob ich das Ziegenhirn probieren könne. Selbstverständlich … Doch der Schädel erweist sich als hart – und aus der Kostprobe wird vorerst nichts. Die Hirten sind neugierig und wollen wissen, wie die Pferde in Europa aussähen, warum die Touristen-Männer stets schlecht und deren Frauen immer gut reiten, was ich genau arbeiten würde und wie viele Länder ich schon bereist hätte … Später bitten mich die Frauen, ihnen ein Foto meines „husbands“ zu zeigen. Als wir einander am nächsten Morgen bei einer Art Porridge beim Frühstück gegenübersitzen, wird getratscht, gelacht und gescherzt. Mirlan übersetzt die Fragen und ich merke frech an: „Ich warte immer noch auf mein Ziegenhirn!“ Das lässt sich der Hausherr nicht zweimal sagen. Nach wenigen Minuten des Hantierens reicht er mir das Gewünschte in einer kleinen Schale. Ich streiche etwas Hirn auf ein Brot und koste. Es wird anerkennend genickt.

 

Planänderung

Über Nacht hat es in den Bergen geschneit und der Pass, der zwischen uns und Altyn Arashan liegt, ist bei der Wetterlage zu gefährlich. Ich bin zwar etwas traurig, die Aussicht auf den Gletscher zu verpassen, doch auch froh, dass die Guides sich für die sichere Variante entscheiden. Wir reiten das Ak-Suu-Tal und den blauweiß schimmernden Gletscherfluss entlang, an dessen Ufer Rinder- und Pferdeherden grasen. An einem Hang beobachten wir eine Schafherde, die wie eine ausfransende Masse über die grüne Wiese fließt und von zwei Reitern und ihren Hunden in Form gegossen wird. Nur wenige hundert Meter vom Camp entfernt liegt ein totes Fohlen, gerissen von einem Wolf, so Azamat. An anderer Stelle weist mich der erfahrene Guide auf eine seltsam großflächige Ausgrabung hin, wo sich ein Braunbär im Winter ein Murmeltier als warme Mahlzeit ausgebuddelt hat.

Kumys, Kamtscha, Kok-Boru

Nursultan, der mit seinen 24 Jahren, das Nesthäkchen unserer Truppe ist, ist nicht nur ein erfahrener Hirte, sondern auch Mitreiter beim traditionsreichen Nationalspiel der Kirgisen: dem Kok-Boru. Das für europäische Ohren barbarisch anmutende Ziel ist es dabei, eine tote Ziege ins gegnerische Tor zu befördern. Als Azamat seine Kamtscha, die typische Peitsche aus Leder und Holz, verliert, hebt Nursultan diese geschickt vom Pferd aus auf. Ob im Schritt, Trab oder Galopp macht für den jungen Mann dabei keinen Unterschied … Als ich mit Mirlan später in Karakol Viehmarkt und Bazar besuche, zeigt uns ein Sattler, seine in Handarbeit hergestellten Kok-Boru-Sättel. In der überdachten Halle, in der neben Zaumzeugen, Hufeisen, Kamtschas auch Beinschützer für die Kok-Boru-Spieler und vieles mehr verkauft wird, erstehe ich ein Paar kirgisische Lederstiefel wie sie Nursultan und Azamat tragen und ernte dafür bei manchen Einheimischen verwunderte Blicke. Nach einem Glas Kumys, vergorene Stutenmilch, bitte ich Mirlan, mir zu zeigen, wo die russischen Regenmäntel verkauft werden. Doch die Auswahl ist begrenzt und weit entfernt von der Qualität, die ich von Mirlans Leihgabe gewohnt bin. Mirlan sieht den geplatzten Mantelkauf als Chance, denn so müsse ich wohl wiederkommen, wie er verschmitzt anmerkt.

 

Autor: Carola Leitner, 2026